Font-Design oder: Wie entsteht eine Schrift?

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Font-Design oder: Wie entsteht eine Schrift?

Egal, ob man eine bestimmte gestalterische Idee für ein neues Font-Design im Kopf mit sich herumträgt, oder ob ein konkretes Projekt die Erstellung einer neuen Schrift erfordert: Am Anfang steht immer die Aufgabe, Zweck und Einsatzgebiete des neuen Zeichensatzes zu definieren.

Soll der Font für die Bildschirmdarstellung optimiert sein – oder geht es darum, lange Texte in kleinen Schriftgrade im Druck gut lesbar darzustellen? Wird eine Schrift mit optimaler Lesbarkeit auf große Entfernung gesucht, zum Beispiel für Straßen- oder Autobahnbeschilderung? Hat die Schrift Eyecatcher-Funktion – zum Beispiel als extravaganter Display-Font für den Werbeeinsatz?

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Möglicherweise werden ja sogar gleich mehrere Schriften für ganz unterschiedliche Medien und Einsatzgebiete benötigt, zum Beispiel für ein umfangreiches Corporate Design. Dann bietet es sich an, ein Schriftsystem ins Auge zu fassen, das nach und nach durch weitere Schnitte der neuen Schrift ausgebaut und komplettiert werden kann; aber auf das Thema Schriftsysteme/Schriftfamilien komme ich in einem meiner nächsten Blogbeiträge zurück.

Stehen die Basis-Parameter fest, kann man damit beginnen, seine Ideen für das neue Font-Design festzuhalten. Für den Anfang sind Skizzen eine gute Wahl, um erste Vorstellungen und besonders wichtige Merkmale und Besonderheiten zu bestimmen. Wenn die Entwürfe konkreter werden, können die ersten Buchstaben ganz klassisch per Hand auf Papier geschrieben oder gezeichnet werden. Dann müssen sie anschließend zur weiteren Verfeinerung in einem Schriftbearbeitungsprogramm digitalisiert werden. Oder man erstellt die Zeichnungen mit einem Grafiktablett oder direkt mit der Maus. Mit welchen Buchstaben man startet, hängt von den persönlichen Vorlieben ab und vielleicht davon, wo und wie sich die spezielle Charakteristik der neuen Schrift zeigen soll.

Font-Design: Einige Grundregeln

Bestimmte Grundregeln für die neue Schrift sollten spätestens jetzt festgelegt sein: die x-Höhe, offenes oder geschlossenes „g“, sind die Oberlängen höher als die Versalien, usw. Alle noch zu erstellenden Glyphen (Schriftzeichen), also alle Buchstaben, Ziffern, Sonderzeichen, Ligaturen usw. müssen in dieses Schema passen. Das ist aufwendige Detailarbeit. Zwischendurch werden die Zeichen stark vergrößert ausgedruckt, begutachtet, korrigiert – meist in mehreren Durchgängen.

Bevor alle Glyphen wirklich fertig sind, folgt die Betrachtung des Schriftbildes im Ganzen. Also, wie funktioniert die Schrift im gesetzten Text; welchen Buchstabenzusammenstellungen muss besondere gestalterische Aufmerksamkeit zukommen; welche Kombinationen erfordern eine weitere Anpassung der Schriftzeichen? Genauso wichtig ist das Kerning der Schriftzeichen, also das Definieren des Abstandes zum Nachbarzeichen, sodass das Schriftbild ausgewogen wirkt und ein gefälliger Lesefluss erzeugt wird. Wichtig ist die harmonische Balance zwischen Schwarz und Weiß.

Sind alle Zeichen digital im Schriftbearbeitungsprogramm fertig gezeichnet, geht es weiter mit dem Mastering. Die Schrift wird als Datensatz finalisiert und mit den technischen Voraussetzungen versehen, damit sie auf allen Plattformen und mit allen gängigen Programmen funktioniert. Last but not least muss man seinem Baby noch einen Namen geben. Beliebt bei Schriftentwerfern sind die eigenen Namen (z.B. Stone Sans, Quay Sans, Gill Sans usw.). Empfehlenswert ist ein eingängiger, sympathischer Name, der vor allem in der jeweiligen Schrift gesetzt gut aussieht und einen Bezug zu ihr hat. Denn natürlich soll sich der Font auch gut verkaufen.

 

Über den Autor

Marcus Mientus
Marcus Mientus
Bei AhlersHeinel bin ich seit 2000; für Typografie und die kleinen typografischen Feinheiten begeistere ich mich aber schon viel länger. Illustration ist ein weiterer Interessenschwerpunkt, mit dem ich mich aktiv hauptsächlich in meiner Freizeit beschäftige. Im Moment befasse ich mich nach der Arbeit allerdings mehr mit meinen zwei kleinen Jungs und den typografischen Finessen von Kinderbüchern.

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