Verbzweitstellung: Weil ich will auch mal Hauptsatz sein

Sprachen verändern sich und sind fortwährend im Wandel begriffen; ist auch ganz gut so: weil wir würden ja sonst heute noch althochdeutsch sprechen und schreiben. Käme wahrscheinlich manchen ziemlich hobbitmäßig vor (kleine Kostprobe am Schluss des Artikels). Vielfach ist aber auch zu hören, dass der Sprachwandel zur Verarmung unserer Sprache führe, da immer mehr Möglichkeiten zur Differenzierung im sprachlichen Ausdruck verschwänden.

So wird seit etwa zehn Jahren beklagt, dass das Wörtchen „weil“ immer häufiger auch als Einleitung von Hauptsätzen verwendet wird  – siehe das Beispiel im ersten Satz. Aber wird dadurch unsere Sprache tatsächlich ärmer? Drohen Kulturverflachung oder gar der Untergang des Abendlandes? – „Schaun mer mal, dann sehn mer scho“, wie bereits der Kaiser sagte.

Der Blick in eine deutsche Grammatik belehrt uns, dass weil – ebenso wie zum Beispiel obwohl, nachdem und sobald – zu den Subjunktionen gehört; zu jenen Wörtern also, die klassischerweise einen Nebensatz mit einem übergeordneten Haupt-oder Nebensatz verbinden und dabei die sogenannte Verbletztstellung fordern: „Man muß das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrthum um uns her immer wieder gepredigt wird“, so sprach einst Goethe zu seinem Kumpel Eckermann. Und platzierte dabei – zumindestens so die schriftliche Überlieferung – im zweiten Satzteil (dem Nebensatz) die finite Verbform brav ans Ende. Und in der Tat: Man muss das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrtum wird immer um uns her gepredigt – das klingt aufgrund der V2- oder Verbzweitstellung schon ein bisschen merkwürdig.

Die Verbzweitstellung – nur für Hauptsätze?

Traditionellerweise ist im Deutschen die Verbzweitstellung unabhängigen Hauptsätzen vorbehalten:  Franziska fährt Fahrrad. Hurtig hat Hanna Hummer halbiert. Trotz tobender Tölen tanzt Tanja tapfer. In all diesen Beispielen steht die finite Verbform (dasjenige Verb, das Personalform und Zeitstufe anzeigt) an zweiter Stelle des Satzes. Manche Sprachpuristen wünschen sich, dass diese Exklusivität auch fürderhin bestehen bleibe: Die immer häufiger zu beobachtende Verbzweitstellung in Verbindung mit Subjunktionen, also etwa in weil– und obwohl-Sätzen – sie sei schlichtweg gruselig und habe mutmaßlich ihre Ursache in schlichter Faulheit, im üblen Einfluss der Neuen Medien oder gar im Sprachgebrauch von Migranten.

Dagegen weisen Sprachwissenschaftler darauf hin, dass die unkonventionelle weil-Satzkonstruktion keineswegs Sprachverrottung bedeute, sondern vielmehr sogar neuartige funktionale Einsatzmöglichkeiten erlaube und so den Reichtum der deutschen Sprache mehre. Man müsse, so die Forscher, nämlich zwischen einem faktischen weil, einem schlussfolgernden weil und einem sprechhandlungsbezogenem weil unterscheiden, und diese Unterscheidungen würden auch in der Satzkonstruktion sichtbar werden. Klingt vielleicht kompliziert, ist es aber nicht wirklich – wie wir (hoffentlich) gleich sehen werden.

Nicht jede Begründung ist auch ein Grund

weil-Konstruktionen mit Verbletztstellung (die klassische Satzbauweise im Schriftdeutschen) benennen den Grund für einen Sachverhalt, liefern also die Antwort auf die Frage „Warum ist das so?“ – Beispiel: Ich freue mich so, weil ich dich endlich wiedersehe. In dieser Verwendung wird weil als faktisches weil bezeichnet. Wenn auf das Wörtchen weil die Verbzweitstellung folgt, zeigt das eine Begründung an; zu erwarten ist also eine Antwort auf die Fragen „Woher weißt du das?“ oder „Wie kommst du denn darauf?“  – Beispiel: Ich glaube, Uwe ist ziemlich sauer, weil, er hat ganz laut die Tür geknallt. Wird weil in dieser Weise gebraucht, spricht man vom schlussfolgernden weil, an hohen Feiertagen und in Nerd-Kreisen auch vom epistemischem weil.

Eine Begründung zeigt auch das sprechhandlungsbezogene weil an, das ebenfalls mit Verbzweitstellung verwendet wird. Auch hier ein Beispiel: Und warum gilt das weil mit Verbzweitstellung immer noch als grammatikalisch falsch? Weil, ist doch eigentlich ne ganz praktische Sache! –Hier gibt also der weil-Satz die nachgelieferte Begründung für die einleitende Frage. Und weil wir schon dabei sind, hier auch meine Antwort darauf: Warten wirs einfach mal ab. In der Alltags- und Umgangssprache breitet sich das „Hauptsatz-weil“ immer mehr aus – und wird vielleicht in einiger Zeit sogar amtlich. Denn: Sprachen verändern sich. Wie man sieht: Hier das versprochene Häppchen althochdeutsch (aus der Würzburger Markbeschreibung, einem der ältesten erhaltenen althochdeutschen Texte, verfasst um das Jahr 800 herum):

So sagant, daz sosi Vuirzuburgo marcha unte Heitingesueldono, vnte quedent daz in dero marchu si ieguue dar: Ióh chirihsahha sancti Kilianes, ióh frono, ióh friero Franchono erbi.

Frodo lässt grüßen.

Fred Förster

Verstärkt das AhlersHeinel-Team in den Bereichen Konzeption und Text/Redaktion für Print- und Online-Projekte. Begeisterter Tomatenzüchter und bei Cascade nicht leicht zu schlagen. In der Rubrik »Aufgelesen« im AhlersHeinel-Blog stellt er bei Gelegenheit interessante Autoren und Bücher vor.

3 Kommentare

  1. kata · 3. Dezember 2016 Reply

    Nur zur Information Prof. Dr. Lutz Hambusch unsere heutigen Reglementen der Rechtschreibung bestehen von ehemaligen sozusagenden Sprachfehlern und weil hatte sich mit dem Verb auf der zweiten Stelle umgesetzt, nur noch nicht offiziell. Dabei wird die Sprache und Bedeutungen viel differenzierter. Und ja Sprache ändert sich ständig. Weil man genauso von individuellen als auch von kollektive Sprechen und Sprachen ausgehet und es hat mehreren Gebieten und Dimensionen, wobei sie sich bewegt und Änderungen evoziert..

    • Fred Förster
      Fred Förster · 5. Dezember 2016 Reply

      Vielen Dank für Ihren Kommentar, dessen Inhalt sich mir allerdings nicht zur Gänze erschließt. Vong Verstämndnis her.

  2. Prof. Dr. Lutz Hambusch · 11. Januar 2016 Reply

    Ich glaube, Lutz Hambusch ist besonders sauer; denn der Autor hat nicht die Tür zugeknallt, sondern an Stelle des schönen und korrekten „denn“ mit Hilfe eines sprachfaulen Erklärungsversuchs das nichtkorrekte (?) „weil“ in diesen Satz hineinschmuggeln wollen.
    Vielleicht gelingt es den hochbezahlten (?) Sprachexperten einmal, das Deutsche aus dem Regionalliga- Rang in den einer Champions-League zu bringen. Das sollte trotz Fehlens einer Académie allemande“ möglich ein.
    Dann würden auch amtliche Sätze nicht mehr als Alibi für Schlampereien herhalten können.

Sag etwas dazu