Kultklotz: Der Romanzyklus »Das Büro« von J. J. Voskuil

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Kultklotz: Der Romanzyklus »Das Büro« von J. J. Voskuil

Fast 900 Seiten ohne Hobbits oder Hogwarts, kein Hape Kerkeling, kein einziger Shade of Grey – und doch hat der Roman Das Büro von J. J. Voiskuil nicht nur in den Niederlanden, der Heimat des Autors, sondern auch bei uns mittlerweile Kultstatus erreicht. Und das ohne wirkliche Handlung und mit einem Thema ohne jeglichen Thriller-Appeal, nämlich dem Alltag in einem Büro zur wissenschaftlichen Erforschung niederländischer Volkskultur. Klingt nach gähn!, ist aber genial. Das Buch entwickelt einen Lesesog, dem man sich nicht entziehen kann. Wie gut, dass der komplette Romanzyklus sieben Bände mit insgesamt mehr als 5 000 Seiten umfasst!

Das Büro im Überblick

Die in einer Vielzahl einzelner Episoden erzählte Geschichte beginnt im Jahr 1957. Aus Geldnot nimmt Maarten Koning einen Job als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem Büro für Volkskunde an, ganz gegen den Willen seiner Frau Nicolien (die sowieso viel an ihm herumzunörgeln hat). Das Büro, geleitet von einem mit allen Intriganz-Wassern gewaschenen Direktor, befasst sich mit so spannenden Fragen wie der Verbreitung von Wichtelmännchen-Märchen in den Niederlanden oder der regionalspezifischen Bezeichnung von Blitzen – mit eher spinnerten Projekten also, die zudem häufig völlig aus dem Ruder laufen.

Obwohl Maarten Koning seine – größtenteils aus dem Anlegen von Karteikarten bestehende – Arbeit als sinnlos empfindet, bleibt er im Büro, nimmt an endlosen, langweiligen Sitzungen teil und steigt über die Jahre in der Hierarchie auf; so hat er sich später als Abteilungsleiter vielfach um Personalprobleme zu kümmern und muss die Fehler und Inkompetenzen seiner Mitarbeiter so gut es geht ausbügeln. Und immer wieder gilt es wahre Dramen einigermaßen heil zu überstehen, zum Beispiel bei der Frage, wie die Namensschilder der Belegschaft auf der Anwesenheitstafel anzuordnen seien: alphabetisch oder nach Abteilungen. Hier wird Maarten scharf von seinem Chef gerügt und muss eine weitere seiner zahlreichen Niederlagen einstecken.

Die Geschichte endet im Jahr 1989. Maarten ist mittlerweile pensioniert, hatte aber in einer Dachkammer des Büros immer noch einen eigenen Schreibtisch, um dort eigene Projekte zu Ende zu führen. Als er eines Tages ins Büro kommt, muss er feststellen, dass der Schreibtisch weggeräumt und seine Unterlagen verschwunden sind.

Kafka und Beckett lassen grüßen

Ähnlich wie Franz Kafka und Samuel Beckett erzählt Johannes Jacobus Voskuil Geschichten vom Scheitern. Weise und unermüdlich nimmt sein Held Maarten Kooning den Kampf gegen den als sinnlos empfundenen Alltagstrott auf und versucht, nicht klein beizugeben. Das liest sich trotz – oder vielleicht auch gerade wegen – der nüchternen, schmucklosen Sprache des Romans streckenweise erschütternd und verstörend, dann aber auch wieder saukomisch. Verschiedentlich ist Das Büro ein „Buch des Trostes“ genannt worden. Ich finde das sehr zutreffend: Trotz aller Widrigkeiten und Sinnzweifel – Maarten Koning gibt nicht auf. Das absurde Theater der Behördenverwaltung kannte Voskuil übrigens selbst sehr gut: Mehr als dreißig Jahre hatte der Autor als wissenschaftlicher Beamter an einem Volkskunde-Institut in Amsterdam gearbeitet.

Hinweise

Auf deutsch sind bis jetzt sind die ersten drei Bände des Zyklus erschienen: ‚Das Büro 1 – Direktor Beerta, ‚Das Büro 2 – Schmutzige Hände sowie als dritter Streich ‚Plankton. Im Frühjahr 2017 soll die komplette deutsche Ausgabe vorliegen. Wer sich einen Eindruck verschaffen möchte: ‚Hier liest Gerd Busse, der deutsche Übersetzer des Romans, ein Kapitel aus Das Büro.

J. J. Voskuil, Autor des Romans Das Büro. Foto: Gerd Busse. Lizenz: CC-BY-SA

J. J. Voskuil, Autor des Romans Das Büro.
Foto: Gerd Busse. Lizenz: CC-BY-SA

Ja, wenn der Minister hier hereinkäme und sagen würde: »Herr Koning, was tun Sie hier eigentlich?«, würde ich ihm antworten: »Nichts, Exzellenz. Meine Arbeit ist vollkommen sinnlos und ohne jeden Wert.«

 

 

Über den Autor

Lutz Worat
Lutz Worat
Verstärkt das AhlersHeinel-Team in den Bereichen Konzeption und Text/Redaktion für Print- und Online-Projekte. Begeisterter Tomatenanbauer und bei »Toon Blast« immer mal wieder auf der Bestenliste zu finden. In der Rubrik »Aufgelesen« im AhlersHeinel-Blog stellt er bei Gelegenheit interessante Autoren und Bücher vor.

1 Kommentar

  1. paragon54 sagt:

    Da schau an: wurde mir an anderer Stelle – so mich meine Erinnerung nicht trügt – ans Herz gelegt, doch aus Furcht vor „gähn“ dankend abgelehnt, der Vergleich mit Kafka oder gar Beckett löst noch mehr „gähn“ aus – andererseits, wenn der Förster aus dem Wald sein Horn ertönen läßt, mag es schon verführerisch nach Wildbret duften . . . . vielleicht doch was . . . für den großen Hunger 😉

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