Egyptienne – Schriften auf großem Fuß

Filter und Flares in der Fotografie
Color Looks in der Fotografie
5. Oktober 2016
Doppelbelichtung in Photoshop
11. Oktober 2016

Egyptienne – Schriften auf großem Fuß

Antiquaschriften mit und ohne Serifen habe ich ja in meiner kleinen Typografieserie schon in anderen Beiträgen vorgestellt. Heute nun geht es um die Fonts mit den richtig auffälligen Querstrichen an den Füßen, also um die Gattung der Egyptienne-Schriften. In der Einordnung im Gesamtsystem der Schriftenklassifizierung werden diese Schriften auch als „serifenbetonte Antiqua“ oder „serifenbetonte Linearantiqua“ bezeichnet. Im englischen Sprachraum ist die Bezeichnung „Slab Serif“ geläufig. Zur besseren Unterscheidung haben sich mehrere Untergruppen etabliert:

    • die „klassische“ Egyptienne (serifenbetonte Linear Antiquas mit optisch gleichen Strichstärkenkontrasten und eckigen Serifenübergängen)
    • die Clarendon-Schriften (serifenbetonte Antiquas mit Strichtärkenkontrasten und runden Serifenübergängen),
    • die sogenannte Zeitungsegyptienne (eine serifenbetonte Antiqua-Hybridtype)
    • sowie eher exotische Displayschriften wie die Western Style-Fonts oder Schreibmaschinenschriften mit besonders ausgeprägten Serifen.

Das Beispiel oben macht deutlich: Egyptienne-Schriften sind laut, auffällig und knallen aufs Auge, erst recht in den fetten Schnitten. So war das auch gedacht, denn sie entstammen der Werbewelt des 19. Jahrhunderts, und ihre Domäne war vor allem die Reklametypografie – zum Beispiel für Anzeigen, Plakate und Werbetafeln. Aufmerksamkeit erzeugen war die Devise und das ging am einfachsten und günstigsten mit auffälliger Textgestaltung. Schriften wurden nach Bedarf modifiziert; wilde Schriftmischungen selbst mit Frakturschriften waren durchaus nicht ungewöhnlich. Das Ganze wirkt auf den heutigen Betrachter oft eher wie zufällig zusammengewürfelt als bewusst gestaltet. Moderne typografische Regeln und Gesetze, wie sie etwa für Buch- oder Zeitungstypografie gelten, blieben häufig außen vor. Das ging zwar nicht selten auf Kosten der inhaltlichen Vermittlung, aber möglicherweise hatten die Menschen im 19. Jahrhundert noch etwas andere Lesegewohnheiten. Ein weiterer Vorteil der Egyptienne-Schriften; Sogar auf den schlechten Zeitungspapieren jener Zeit lieferten sie noch ein ganz gutes Druckbild.

Moderne Egyptienne-Schriften

Zwar lag die Blütezeit der Egyptienne eindeutig im 19. Jahrhundert, doch noch in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts schufen so renommierte Schriftentwerfer wie Adrian Frutiger und Erik Spiekermann Fonts wie die Glypha und die Officina Serif. Und auch aktuell kommen immer wieder moderne Egyptienne Schriften auf den Markt, ich nenne als Beispiele hier nur mal die FF Zine Slab Display oder auch die PMN Caecilia.

egyptinenne_beispiel

Gute Frage: Wie kam die Egyptienne denn bloß zu ihrem Namen?

Markante Serifen – das ja; bloß hieroglyphenmäßig haben die Egyptienne-Schriften indes nun gar nichts zu bieten. Stellt sich also die Frage, wie sie denn nun zu ihrem Namen kamen. Des Rätsels Lösung: Just als die Schriften mit den großen Füßen in Mode kamen, zu Anfang des 19. Jahrhunderts also, herrschte gerade ein regelrechter Ägypten-Hype, der von Paris ausging und sich über London über ganz Westeuropa und sogar in den USA ausbreitete. Napoleon hatte erfolgreich seine Feldzüge in das Land am Nil beendet und so einiges an Kunstschätzen mitgehen lassen. Auch die Entzifferung der ägyptischen Hieroglyphen (vor allem mit Hilfe des von napoleonischen Soldaten entdeckten Steins von Rosetta) trug zum ägyptenverrückten Zeitgeist bei. Erstmals wurde der Begriff „Egyptienne“ 1825 von dem britischen Drucker Thomas Curson Hansard verwendet; in seinem Standardwerk „Typographia“ bezeichnete er diese Schriftgattung als„typographische Monstrosität“. Nach der Entdeckung des Grabes von Tutanchamun 1922 kam es dann noch einmal zu einer Egyptienne-Welle; es entstanden unter anderem die Schriften Rockwell und Memphis.

Mein Fazit

Für mich hat die kommerziell orientierte Reklame-Typografie aus der Blütezeit der Egyptienne eine ganz spezielle Ästhetik. Wer ein bisschen sucht, kann hier wunderbare Schriften entdecken, die in jede aktuelle Schriftbibliothek gehören. Vielleicht kann sich der eine oder andere beim nächsten Layout mal davon anregen lassen.

Über den Autor

Marcus Mientus
Marcus Mientus
Bei AhlersHeinel bin ich seit 2000; für Typografie und die kleinen typografischen Feinheiten begeistere ich mich aber schon viel länger. Illustration ist ein weiterer Interessenschwerpunkt, mit dem ich mich aktiv hauptsächlich in meiner Freizeit beschäftige. Im Moment befasse ich mich nach der Arbeit allerdings mehr mit meinen zwei kleinen Jungs und den typografischen Finessen von Kinderbüchern.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen