H. C. Artmann reloaded

Gewusst wie: iPhone SLO-MO Videos unter Windows bearbeiten und abspielen
14. Juli 2016
YouTube und das Recht, eine Uhr aufzuheben
21. Juli 2016

H. C. Artmann reloaded

Wenn man gute Freunde ein Zeit lang aus den Augen verloren hat, ist die Freude über das Wiedersehen meist umso größer. Ähnlich geht mir das manchmal auch mit Lieblings-Schriftstellern. So hingerissen ich auch früher zum Beispiel von H. C. Artmann war, so kaum beachtet standen seine Bücher viele Jahre bei mir im Regal. Bis ich letztens beim Staubwischen eine kleine Lesepause einlegte und in dem einen oder anderen Artmann-Werk zu schmökern begann – und schwupps! meine Begeisterung wieder neu erwachte. Grund genug, fand ich, um den einzigartigen Sprachkünstler & Poeten aus Österreich auch einmal im AhlersHeinel-Blog vorzustellen.

 

H. C. Artmann husaren

H. C. Artmann auf den Spuren

H. C. Artmann, Meister der Masken und Großfürst der poetischen Invention, hat sich Zeit seines Lebens nicht großartig für das interessiert, was andere Wirklichkeit oder Realität nennen; denn: »die ist sowieso da.« So gab er lange als Geburtsort »St. Achatz im Walde von Österreich« an, auch wenn dieser Ort auf keiner Landkarte verzeichnet ist. In seinen Werken übernimmt er mal die Rolle des »bizarren liebhabers«, mal tritt er uns als »Hieronymo Caspar Laërtes de Artmano« entgegen, dem »incomparablen öbristen von denen husaren«; dann wieder treffen wir ihn als »aeoronautischen Sindbad« wieder oder auch als wackeren John Adderley Bancroft, »student des transsylvanischen und huzulischen.«

»Meine heimat ist Österreich, mein vaterland Europa, mein wohnort Malmö, meine hautfarbe weiß, meine augen blau, mein mut verschieden, meine laune launisch, meine räusche richtig, meine ausdauer stark, meine anliegen sprunghaft, meine sehnsüchte wie die windrose (…) a gesagt, b gemacht, c gedacht, d geworden. Alles was man sich vornimmt, wird anders als man sichs erhofft …«

So Hans Carl Artmann über sich selbst in seinem fiktiven Tagebuch »Das suchen nach dem gestrigen tag oder schnee auf einem heißen brotwecken« (1964).

Der poetische Act

Mit anderen österreichischen Schriftstellern, unter ihnen Oswald Wiener, Ernst Jandl und Friederike Mayröcker, arbeitete H. C. Artmann (1921–2000) in den 1950er Jahren in der Wiener Gruppe zusammen, die sich beeinflusst von Surrealismus und Dada unter anderem intensiv mit Lautpoesie und vsiueller Lyrik beschäftigte. 1953 formulierte Artmann seine berühmt gewordene »Proklamation des poetischen Actes« und stellte fest:

»Es gibt einen Satz, der unangreifbar ist, nämlich der, daß man Dichter sein kann, ohne auch irgendjemals ein Wort geschrieben oder gesprochen zu haben. Vorbedingung ist aber der mehr oder minder gefühlte Wunsch, poetisch handeln zu wollen. Die alogische Geste selbst kann, derart ausgeführt, zu einem Act von ausgezeichneter Schönheit, ja zum Gedicht erhoben werden. Schönheit allerdings ist ein Begriff, welcher sich hier in einem sehr geweiteten Spielraum bewegen darf.«

Das »poetische Handeln« blieb denn auch für H. C. Artmann immer wichtiger als das Bewahren und Veröffentlichen seiner Werke. Mit seinen Manuskripten geht er völlig sorglos und schlampig um, ein Großteil ist verloren gegangen. Dem Wiener Dichterkollegen Konrad Bayer und anderen Bewunderern ist es zu verdanken, dass viele verstreute Texte, die der Autor zum Beispiel in aufgegebenen Wohnungen zurückgelassen hatte, für die Nachwelt gerettet werden konnten.

H. C. Artmann für Einsteiger

Einen repräsentativen Querschnitt durch Artmanns Werk bietet der von Klaus Reichert herausgegebene Reader »The Best of H. C. Artmann« (suhrkamp taschenbuch 275). Hier finden sich Beispiele seiner sprachexperimentellen Lyrik, Prosatexte wie »Lord Listers Briefe am Nachmittag«, Stücke fürs Theater, darunter, Gerard Rühm gewidmet, »die fahrt zur insel nantucket« und theoretische Schriften.

Artmanns Lust am Fabulieren wird besonders deutlich in seinen barockisierenden Geschichten »Von denen Husaren und anderen Seil=Tänzern«; der Lesespaß ist umso größer, wenn man ein Exemplar der sehr schön gesetzten Erstausgabe von 1959 auftreiben kann.

»med ana schwoazzn dintn«, die zum Teil von tiefschwarzem Humor durchtränkten Mundartgedichte, mit denen Artmann 1958 erstmals einem größeren Publikum bekannt wurde, gibt es mittlerweile sogar als e-book und mit dem Umschlagmotiv der Erstausgabe. Einige dieser Texte, von Artmann selbst für eine Schallplattenveröffentlichung gelesen, finden sich auf youtube, zum Beispiel das Gedicht »es gibt guatde und bese geatna: des is es liad fon an besn«.

Und nicht zu vergessen natürlich »Dracula Dracula«, Artmanns virtuoses Spiel mit sämtlichen Klischees und Versatzstücken des viktorianischen Schauerromans. Das »transylvanische Abenteuer«, erstmals 1966 erschienen, wurde 2008 auch als Klangbuch mit CD herausgebracht. Als Hörbeispiel hier das Kapitel »Der sogenannte Fledermaussalon«.

H. C. Artmann Lesetipps

Über den Autor

Lutz Worat
Lutz Worat
Verstärkt das AhlersHeinel-Team in den Bereichen Konzeption und Text/Redaktion für Print- und Online-Projekte. Begeisterter Tomatenanbauer und bei »Toon Blast« immer mal wieder auf der Bestenliste zu finden. In der Rubrik »Aufgelesen« im AhlersHeinel-Blog stellt er bei Gelegenheit interessante Autoren und Bücher vor.

1 Kommentar

  1. Fred Förster Fred Förster sagt:

    Interessante Querverbindung. Von Artmann selbst verbürgt ist das Zitat: »Ich kenn mich auch absolut aus in der Popmusik – Heavy Metal und Techno. Das g’fallt mir nicht, aber ich bin bestens informiert.«
    (Quelle: Mark Oliver Schuster: »H. C. Artmann’s Structuralist Imagination. A Semiotic Study of his Aesthetic an Postmodernity«; p 30. (Dissertationsschrift; 2004. Verlag Königshausen & Neumann)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Durch die weitere Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn Sie diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwenden oder auf "Akzeptieren" klicken, erklären Sie sich damit einverstanden.

Schließen