Raymond Queneaus »Stilübungen« neu übersetzt

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Raymond Queneaus »Stilübungen« neu übersetzt

Die Stilübungen von Raymond Queneau gehören zu den komischsten Werken der modernen Literatur; jetzt liegen sie erweitert in neuer deutscher Übersetzung vor: Grund genug, das Buch wieder einmal zu preisen und zu rühmen.

RQalsCartoon

Cartoonzeichnung nach Photomatonaufnahmen von Raymond Queneau

Worum gehts?

Ein junger Mann mit Hut und langem Hals beschimpft in einem Pariser Bus einen älteren Herrn, setzt sich auf einen freien Platz. Etwas später wird der Hutträger an der Gare de Saint-Lazare im Gespräch mit einem Bekannten gesehen, der ihm dazu rät, sich einen Knopf an den Mantel nähen zu lassen. Das ist alles. Doch Raymond Queneau gelingt das Kunststück, diese langweilige Alltagsbegebenheit in über hundert Stilübungen immer wieder neu zu erzählen – mal als Komödie, mal im Telegrammstil; mal als Behördenschreiben oder als Schauerroman oder auch als Observationsbericht eines Privatdetektivs.

Aber das ist natürlich doch noch längst nicht alles; zu den rhetorischen Vorgaben, die Queneau so virtuos durchexerziert, gehört eine Variante, die gänzlich ohne den Buchstaben „e“ auskommt; andere wieder orientieren sich an den fünf Sinnen („Dieser Autobus hatte einen bestimmten Geschmack.“ / „Ein Autobus fasst sich weich an.“). So richtig kraus wird es dann bei den Varianten, die mit Lautverschiebungen oder dem Vertauschen von Silben spielen: „Enies Taegs geegn Mitatg bemrekte ihc afu dre hinetren Palttfrom enies Aubotusses enien jugnen Mnan imt zu lagnem Hlas, udn enier Tar Schunr um dne Thu“ – gegen solche metathetischen Kapriolen nimmt sich eine Stilübung wie diejenige mit dem Titel Anglizismen schon fast harmlos aus: „Eines Däis gegen Middäi täike ich den Bass und siee einen jang Män mit eine gräit Näck und eni Hätt mit einer kaind of flechtes Kord.“

Und das soll komisch sein?

Jepp. Die Vielzahl der – zum Teil sehr komplexen – Regeln, nach denen Queneau seine Textvarianten ausrichtet, macht vor allem eines deutlich: Mögen die Vorschriften auch noch so detailliert sein – es geht auch immer noch ganz anders. Denn Regeln sind nichts Starres und Unabänderliches – sie sind vielmehr willkürlich gesetzt, man kann sie verändern oder sogar gegen gänzlich andere austauschen. Und gerade wenn man sie völlig pingeling und penibel umsetzt, führen sie sich manchmal selbst ad absurdum (wie zum Beispiel ja auch der brave Soldat Schwejk hinlänglich bewiesen hat). Hochkomik ist eben im besten Fall immer auch subversiv.

Dieser Raymond Queneau – was war das denn für einer?

Raymond Queneau, geboren 1903 in Le Havre; gestorben 1976 in Paris, gehörte zum Kreis der französischen Surrealisten und war Mitbegründer der Künstlergruppe Oulipo (L‘ Ouvroir de Littérature Potentielle: „Werkstatt für Potentielle Literatur“). Ziel der Oulipoten war es, die Möglichkeiten der Sprache durch kreative Beschränkung und Anwendung bestimmter Formvorgaben zu erweitern. Die 1947 erstmals in Buchform erschienenen Stilübungen (Originaltitel: Exercices de style) können als frühe oulipotische Texte gelten. Ebenfalls der potentiellen Literatur zuzurechnen sind Queneaus Hunderttausend Milliarden Gedichte (Originaltitel: Cent Mille Milliards de Poèmes): zehn Sonette, deren einzelne Zeilen sich zu immer wieder neuen Sonetten zusammenstellen lassen. Wer tatsächlich alle möglichen Kombinationen lesen möchte, müsste allerdings ein bisschen Zeit mitbringen – um die 90 Millionen Jahre etwa. Queneaus wohl bekanntestes Werk ist Zazie in der Metro; die skurrile Geschichte um die freche Provinzgöre wurde sehr erfolgreich von Louis Malle verfilmt.

Die Stilübungen – verschiedene Ausgaben auf deutsch

Nach wie vor lieferbar ist die erste Übertragung der Stilübungen von Lduwig Harig und Eugen Helmlé ins Deutsche, in der Neuausgabe 2007 um das Nachwort Auf dem pataphysischen Hochseil von Ludwig Harig ergänzt (Bibliothek Suhrkamp 1419). Im Mai 2016 erschien eine neue Übersetzung von Frank und Hinrich Schmidt-Henkel mit einigen zum ersten Mal veröffentlichten Stilübungen (Bibliothek Suhrkamp 1495). Wer statt zu lesen lieber zuhören möchte: Stilecht im Autobus präsentieren die Übersetzer der Neuausgabe einige Kostproben der vertrackten Sprachspielereien.

Über den Autor

Lutz Worat
Lutz Worat
Verstärkt das AhlersHeinel-Team in den Bereichen Konzeption und Text/Redaktion für Print- und Online-Projekte. Begeisterter Tomatenanbauer und bei »Toon Blast« immer mal wieder auf der Bestenliste zu finden. In der Rubrik »Aufgelesen« im AhlersHeinel-Blog stellt er bei Gelegenheit interessante Autoren und Bücher vor.

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