Von Sprachgirlanden und Sprachveganern

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Von Sprachgirlanden und Sprachveganern

Sprachgirlande

Wann immer es festlich zugehen soll, wird gerne mal zur Girlande gegriffen. Sei es der Kindergeburtstag, die Baumarkteröffnung oder die weihnachtlich geschmückte Einkaufszone der Innenstadt: Dekorativ kringeln sich Girlanden über Tische und Wände, umranken Fensterfronten und baumeln neckisch im Winde. Ganz ähnlich – kringeln, ranken, baumeln – verhalten sich auch Sprachgirlanden, doch ist das Ergebnis selten wirklich schön anzuschauen. Aber weil Sprachgirlanden bestens geeignet sind, dass andere sich darin verheddern, werden sie gern und häufig verwendet – etwa, wenn mit viel Brimborium möglichst nichts gesagt werden soll. In Wahlkampfreden oder Talkshows zum Beispiel.

Girlande-2

Einfache Sprachgirlanden

Ein Nebensatz, der, wenn er in einen Hauptsatz eingeschoben ist, wird Zwischensatz oder Sprachgirlande gennant: Das ist einerseits richtig und andererseits natürlich selbst ein Sprachgirlanden-Beispiel. Entkringelt lautet der Satz ganz schlicht: In den Hauptsatz eingeschobene Nebensätze bezeichnet man als Zwischensätze oder Sprachgirlanden. Ist doch auch viel gleich übersichtlicher, oder? – Schon vor rund zweihundert Jahren hatte Schopenhauer erkannt, »dass der Mensch nur einen Gedanken zur Zeit deutlich denken kann; daher ihm nicht zugemutet werden darf, dass er deren zwei oder gar mehrere auf einmal denke. Dies aber mutet ihm der zu, welcher solche als Zwischensätze in die Lücken einer zu diesem Zwecke zerstückelten Hauptperiode schiebt.« Als Grundsatz für guten Stil beim Sprechen und Schreiben empfahl Schopenhauer,  Sätze nicht einzukeilen und auch nicht »auszustopfen wie eine Gans mit Äpfeln«. Halten wirs also mit Schopenhauer und vermeiden nach Möglichkeit Stopfgans-Sätze, auch wenn wir uns nicht als bekennende Sprachveganer verstehen.

Girlande-3

Sprachgirlanden für Fortgeschrittene

Sprachgirlanden lassen sich so üppig ausbreiten, dass darüber jede Verständlichkeit zum Teufel geht. Stilpapst Wolf Schneider gibt dafür in seiner Stilkunde Deutsch für Kenner ein wunderschönes Beispiel:

»Doch allzuoft werden allzulange Girlanden eingehängt (und wo die Überlänge anfängt, das lässt sich beweisen); oder es werden Hauptsachen – Perlen also, die auf die straff gespannte Schnur gehörten – in Girlanden versteckt; oder der Girlanden-Liebhaber schmückt seine Sätze mit je dreien oder vieren von der Sorte; oder er hängt an die Girlande noch eine zweite oder gar an diese untere noch eine dritte, und dann ist der Schachtelsatz perfekt …«

Sprachgirlanden in freier Wildbahn

Ein Biotop, in dem Sprachgirlanden hervorragend gedeihen, ist die Sprache des Amtsschimmels. Beispiel gefällig? – Bitte sehr:

»Ist eine Willenserklärung nach § 118 nichtig oder auf Grund der §§ 119, 120 angefochten, so hat der Erklärende, wenn die Erklärung einem anderen gegenüber abzugeben war, diesem, andernfalls jedem Dritten, den Schaden zu ersetzen, den der andere oder der Dritte dadurch erleidet, dass er auf die Gültigkeit der Erklärung vertraut, jedoch nicht über den Betrag des Interesses hinaus, welches der andere oder der Dritte an der Gültigkeit der Erklärung hat.«  (‚Bürgerliches Gesetzbuch, § 122 Abs.1: Schadensersatzpflicht des Anfechtenden)

Auch die Sprache der Wissenschaft ist nicht frei von der Neigung zur Girlandenbildung. Auf einem ‚Science Slam präsentierte Paul Stoop, der Leiter des Informations- und Kommunikationsreferats am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, dieses tolle Beispiel:

»Während die Befürworter einer starken Verfassungsgerichtsbarkeit hervorheben, dass ohne funktionierende – und sanktionierende – Verfassungsgerichte Grund- und Bürgerrechte heute nicht so stark ausgestaltet wären, wie sie es sind, und diese Rechte ohne Schutz durch Verfassungsgerichte von demokratischen Mehrheiten regelmäßig missachtet würden, verweisen ihre Gegner darauf, dass die Verlagerung von Entscheidungsmacht von direkt gewählten Parlamenten auf bestenfalls indirekt gewählte Richterinnen und Richter demokratisches Regieren schwäche.«

Sprachzentrum, wir haben ein Problem. Und zwar, so Paul Stoop, ein Omelett-Problem: Man hat sehr viele Zutaten, schmeißt alle zusammen in die Pfanne und wenn das Omelett dann fertig ist, kann niemand mehr erkennen, was eigentlich am Anfang die Zutaten waren. Und wie vermeidet man sie nun, die Stopfgans-, Omelett- und Girlandensätze, die die Verständlichkeit erschweren und den Sinn verdunkeln? – Der Tipp des Tages in dieser Angelegenheit kommt von Herrn Wilhelm Busch aus Wiedensahl:

»Man sage klar und angenehm, was erstens, zweitens, drittens käm’!«

 

Über den Autor

Lutz Worat
Lutz Worat
Verstärkt das AhlersHeinel-Team in den Bereichen Konzeption und Text/Redaktion für Print- und Online-Projekte. Begeisterter Tomatenanbauer und bei »Toon Blast« immer mal wieder auf der Bestenliste zu finden. In der Rubrik »Aufgelesen« im AhlersHeinel-Blog stellt er bei Gelegenheit interessante Autoren und Bücher vor.

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