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Zwiebelfisch mit Elefantenrüssel

Seit dem 15. Jahrhundert werden Bücher, Zeitungen und andere Erzeugnisse gesetzt und gedruckt. Dadurch hat sich im Laufe der Zeit eine eigene Fachsprache in der Zunft der Buchverleger und Schriftsetzer gebildet. Einige Begriffe haben bis heute überlebt und sind immer noch im Sprachgebrauch bei Designern, Mediengestaltern und Typographen. In dieser Welt sind Witwen und Hurenkinder nicht gerne gesehen, Jungfrauen höchst willkommen und niemand möchte eine Hochzeit. Hier habe ich einmal einige Fachbegriffe aus der Druckersprache und ihre Bedeutung zusammengestellt – viel Spaß beim Lesen!

Abnudeln

Hiermit meint man keine Spaghetti-Schrift, sondern die Herstellung von Probeabzügen im Bleisatz. Dies geschieht vermittels eines Zylinders, der einem Nudelholz recht ähnlich sieht.

Bengel

Es ist nicht der unverschämte junge Praktikant gemeint, sondern der Arm einer Handpresse, mit dem der Druck zwischen Tiegel und Druckform aufgebaut wird.

Brotschrift

Baguette-Buchstaben vom Bäckermeister? Nein, in alten Zeiten nannten die Setzer die Schriftarten und -größen für Mengensatz so, mit dem sie im Akkord ihr Brot verdienten.

Boustrophedon

Hat der nicht im letzten Jurassic-Park-Film gewütet? Nein! Damit ist ein Text gemeint, der in jeder Zeile die Leserichtung ändert. Die frühen Griechen haben die Leserichtung noch recht flexibel gehandhabt, und ein Vorteil der sogenannten boustrophedonen Schreibweise ist es, dass am Zeilenende kein Zeilensprung gemacht werden muss. Dies hat sich nicht durchgesetzt, seit dem 4. Jahrhundert liest man in Europa rechtsläufig.

Durchschuss

Was klingt wie das durchschlagende, eher unerfreuliche Finale von Magengrimmen, meint eigentlich den Raum, der zwischen den Buchstabenkegeln zweier Zeilen steht. Dieser Durchschuss plus die Höhe der Buchstabenkegel ergibt zusammen den Zeilenabstand.

Deppenapostroph

Manche Zeitgenossen scheinen vom Drang getrieben, einfach irgendwo ein s dranzuhängen. Zum Beispiel bei der Frittenbude ihres Vertrauens, sodass diese plötzlich Werner’s Grill heißt, obwohl Werners Grill vollkommen ausgereicht hätte. Nun, der Name sagt ja schon, wer solch ein Apostroph benutzt. Mehr zum Apostroph als solchem weiß mein Kollege Lutz Worat zu berichten.

Eierkuchen

Mit Eierkuchen (oder Pfannkuchen) ist nicht gut drucken, dafür ist die bei Jung und Alt beliebte Speise denkbar ungeeignet. In Druckerkreisen wird auseinandergefallener Satz wie zum Beispiel durcheinander geratene Lettern als „Eierkuchen“ bezeichnet.

Elefantenrüssel und Zwiebelfisch

Elefantenrüssel

Was hier etwas frivol daherkommt, ist lediglich der typografische Fachbegriff für den ausladenden Aufschwung bei Fraktur-Großbuchstaben.

Frosch

Ihn kann man küssen so viel man will, er wird sich wahrscheinlich nicht in einen Prinzen verwandeln: Als Frosch bezeichnet man den Schieber an einem Winkelhaken, mit dem die Zeilenbreite eingestellt wird.

Grusograph

Der Grusograph ist keineswegs ein Messgearät für den Schock- und Gruselfaktor von Horrorfilmen („8 von 10 Punkten auf der Grusographenskala …“). Gemeint ist ein Schriftprojektor, ein speziell für Schriftvergrößerung entwickeltes Gerät, mit dem sich Buchstaben lichtstark auf eine Papierbahn projizieren und dann einfach nachzeichnen lassen.

Hering

Wenn der Lehrling vom Meister einen Hering bekam, war das keine Sondervergütung in Form von frisch gefangenen Fisch. Hering ist die Verballhornung vom französischen Wort harangue (feierliche Ansprache), das –  ausgesprochen – dem französischen Wort hareng (Hering) ähnelt … und somit war die gemeinte „feierliche Ansprache“ in der Regel ein Rüffel.

Hochzeit

Ein freudiges Ereignis für Freunde und Familie? Nicht unter Druckern! Wenn ein Schriftsetzer zu Bleisatzzeiten ein Wort doppelt gesetzt hat, nannte man dies Hochzeit. Das war für alle beteiligten kein Zuckerschlecken, weil alle nachfolgenden Zeilen bis zum Ende des Absatzes neu reguliert, umgebrochen und per Hand ausgeschlossen werden mussten.

Hurenkind

Hier kein Fall für den Sozialarbeiter; gemeint ist vielmehr eine einzelne letzte Zeile eines Absatzes, die am Anfang einer neuen Spalte oder Seite steht.  Der Begriff spielt darauf an, dass ein Hurenkind nicht weiß, wo es herkommt.

Jungfrau

Diese ist in jedem Druckerei- und Satzbetrieb gerne gesehen! Natürlich nicht was Sie denken – eine Jungfrau ist hier ein fehlerfrei geschriebenes Dokument.

Leiche

Über die stolpern Schriftsetzer genauso ungern wie jeder andere: Gemeint ist das Pendant zur Hochzeit, nur bezeichnet eine Leiche kein Wort zu viel, sondern ein fehlendes Wort.

Lückenbüßer

Diesen Begriff kennt man eigentlich eher aus dem Umfeld menschlicher Beziehungsverstrickungen, doch auch der Metteur (= französisch für Umbruchgestalter) verschönerte sich gerne schmerzhafte Trennungen mit einem Lückenbüßer: kleine Inserate und Anzeigen, um unansehnliche Umbrüche im Textsatz zu vermeiden.

Möwchen

Was sich anhört wie die die Verniedlichung der klagenden Seevögel, ist die umgangssprachliche Bezeichnung »dieser« Anführungszeichen, den Guillements.

Oberlänge

Handelt es sich hier um das Pendant zur Oberweite? Weit gefehlt! Die Oberlänge bezeichnet alle Buchstabenteile, die über die Mittellänge hinausragen, wie in allen Großbuchstaben und die oberen Bereiche von b d f h k l t.

Schmutztitel

Damit ist kein Buch gemeint, das man nur in die Erwachsenen-Abteilung findet, sondern die Seite vor dem eigentlichen Titelblatt, die in der Regel den Kurztitel des Werkes enthält. Es ist die erste Seite des Buchblocks und trägt in der Seitenzählung die nicht ausgedruckte Nummer 1.

Hurenkind und Schusterjunge

Schusterjunge

Ob sich da jemand im Beruf vertan hat? Nein, der Schusterjunge ist das passende Gegenstück zum Hurenkind und bezeichnet eine einzelne, erste Zeile eines Absatzes, die als letzte Zeile einer Spalte oder Seite steht. Der Name kommt daher, dass die Schusterjunge nicht weiß, wo er hingeht.

Tintenfalle

Haben die prähistorischen Drucker mit Hilfe der Tintenfalle ihr Druckmittel gejagt? Keineswegs, gemeint ist die Berührung zweier Buchstabenelemente in einem geringen Winkel (wie in A oder V), was bei kleinen Schriftgrößen dazu führen kann, dass die Druckfarbe an dieser Stelle physisch oder zumindest scheinbar zusammenläuft und einen Fleck bildet. Damit dies nicht passiert, werden diese Schnittpunkte optisch offener gestaltet.

Witwe

Eine andere Bezeichnung für ein Hurenkind.

Zwiebelfisch

Nichts Essbares, sondern vielmehr im Setzer-Jargon die Bezeichnung von Lettern, die sich versehentlich aus einer anderen Schrift in den Setzkasten geschlichen haben.

Wie sich aus soziolinguistischer Sicht in vielen dieser Ausdrücke zeigt, hatten in der Zunft der Buchverleger und Schriftsetzer ausschließlich Männer das Sagen – daher auch die eher deftigen Begriffe. Auch wenn der Handsatz heutzutage nur noch selten verwendet wird und der Schriftsetzer auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Berufe steht – noch immer kann man sich der Fachbegriffe erfreuen.

Über den Autor

Sebastian Wiesner
Sebastian Wiesner
Ich bin Sebastian und lebe in Gifhorn, in Hannover und im Internet. Das AhlersHeinel-Team verstärke ich als Mediengestalter Digital und Print. Als Gegenpol zur schreibtischlastigen Monitorarbeit verbringe ich meine Freizeit entweder aktiv in der Natur mit meinem vierpfotigen Labrador-Motivator oder lesend im Sessel.

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